Botanisches Institut
Universität Basel
Basler Botanische Gesellschaft
 8. Basler Botanik-Tagung 2002 «Biologie der Orchideen»von Jürg Stöcklin 
aus: Bauhinia 16 (2002) 67-76
 

Vorträge 

DR. PHILLIP CRIBBFrom John Lindley to Genera Orchidacearum: Changing ideas in orchid classificaton.
DR. ALEXANDER KOCYANOrchideen für Basel – die Bedeutung der Sammlung «Jany Renz».
DR. MARKUS PEINTINGERLebenskünstler mit Ruhepausen: Populationsdynamik mitteleuropäischer Orchideen.
DR. VERENA WIEMKEN & PROF. DR. THOMAS BOLLER Partnerschaft auf Messers Schneide: Die Symbiose von Orchideen und Mykorrhiza-Pilzen.
DR. GÜNTHER GERLACHParfümblumen und Prachtbienen: faszinierendes Zusammenspiel aus den Tropen Amerikas.
PD DR. GERHARD ZOTZLeben in Dunkelheit: Ökophysiologie epiphytischer Unterwuchsorchideen im Regenwald Panamas.
DR. FLORIAN SCHIESTLBestäuberanlockung und Evolution bei Sexualtäuschblumen
STEFAN SCHWEGLERBlütenbesucher und Bestäubungserfolg bei Ophrys-Arten
Rund ein Zehntel der 250’000 Blütenpflanzen der Erde sind Orchideen. Als hochentwickelte Spezialisten haben Orchideen die Grenze dessen, was in der Natur möglich ist, nochmals weit hinausgeschoben. Die eigentümliche Symbiose mit Mykorrhiza-Pilzen erschliesst den Orchideen einige schwer besiedelbare Lebensräume. Die meisten Orchideen leben als Epiphyten in den Tropen. Die Formenfülle der Blüten reicht vom duftendem Liebreiz bis zur schwülstigen Aufdringlichkeit. Hochspezialisierte Anpassungen an unterschiedlichste Bestäuber (Insekten, Vögel, Fledermäuse) machen diese Pflanzengruppe zu einem beliebten Forschungsobjekt von Evolutionsbiologien. Bereits Darwin widmete den Bestäubungssyndromen der Orchideen ein eigenes Buch. Anlass der diesjährigen Tagung war die Ausstellung «Orchideen-Pflanzen der Extreme» im Botanischen Garten der Universität Basel. Im Rahmen dieser Ausstellung wurde auch das «Herbarium von Jany Renz» erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt. Dank einer lebenslangen Sammler-Leidenschaft trug dieser Forscher mehr als 25'000 Herbarbelege und nahezu 3000 Bücher über Orchideen zusammen. Beides vermachte er nach seinem Tod dem Botanischen Institut. Was lag da näher, als die Biologie dieser in vieler Hinsicht besonderen Pflanzengruppe zum Thema zu machen. Das Interesse war gross. Fast 200 Interessierte hatten sich angemeldet. Bunt mischten sich diesmal wissenschaftlich Interessierte und Orchideenspezialisten. Die Erwartungen wurden nicht enttäuscht. Die acht Vorträge boten einen vertieften und gleichzeitig umfassenden Einblick in die Welt der Orchideen.

Ph. Cribb

PHILLIP CRIBB (London), Systematiker und Abteilungsleiter am weltberühmten Herbarium in Kew Gardens sprach als Erster. Er gab einen Einblick in die faszinierende Geschichte der Orchideen-Systematik in der letzten 200 Jahre. Eindrücklich zeigte sein Vortrag, dass heute dank den zur Verfügung stehenden molekularen Methoden und der modernen Kladistik taxonomische Probleme lösbar sind, die lange umstritten waren. Als «Vater der Orchideen-Klassifikation» gilt John Lindley, ein Etikett, welches dieser seiner bedeutenden Rolle von 1820 an bis zu seinem Tod im Jahre 1856 verdankt. Während dieses gesamten Zeitraums war John Lindley in der glücklichen Position, die Stelle eines Assistenten, später die Stelle des Sekretärs der «Horticultural Societey of London» einzunehmen. Als solcher nahm er die Sendungen tropischer Orchideen von Sammlern und Korrespondenten der Gesellschaft aus aller Welt entgegen. Lindley realisierte rasch, dass viele der Neuigkeiten nicht in die von Linné, Swartz und Richard beschriebenen Gattungen passten. Zeit seines Lebens beschrieb er selbst 180 Gattungen und nahezu 3000 neue Arten. 1826 publizierte er eine erste Klassifikation der Orchideen und verfeinerte diese im Lauf der Zeit. Lindley's Orchideenherbar ist in Kew erhalten und wird heute noch oft konsultiert. Seine Tradition wurde weitergeführt. 1881 publizierte George Bentham eine neue Klassifikation der Orchideen. Auch er hatte das Glück, viele neue Orchideen zu Gesicht zu bekommen, welche als Folge der immer populäreren Freizeitbeschäftigung mit Orchideen das Viktorianische England überschwemmten. Seine Klassifikation war detaillierter als jene von Lindley, aber Bentham's Tätigkeit hatte ein überraschendes und verheerendes Ergebnis. Bentham hatte das Reichenbach'sche Gattungskonzept und dessen systematischen Vorstellungen kritisiert. Dies veranlasste diesen dazu, das Testament, in welchem er Kew sein Herbar vermacht hatte, zu ändern und dieses einem Institut zu übergeben, welches sich verpflichten musste, das Herbar während 25 Jahre unter Verschluss zu halten. Botaniker wie Ernst Pfitzer, Rudolf Schlechter und Robert Rolfe waren unter den grössten Leidtragenden dieses Entscheids. Nichtsdestotrotz, legte Pfitzer (1894) eine neue revolutionäre Orchideen-Klassifikation für «Engler's Pflanzenreich» vor. Zum ersten Mal wurden nun auch vegetative Merkmale einbezogen.
Das moderne Interesse an der Klassifikation der Orchideen geht auf die Arbeiten von Garay (1960) und Dressler & Dodson (1960) zurück. Dresser (1981, 1993) berücksichtigte alle verfügbaren Informationen über Anatomie, Biochemie, Cytologie und die Fortpflanzungsweise von Orchideen. Burns, Balogh & Funk (1986) produzierten die erste kladistische (d.h. phylogenetische) Analyse der Familie. Sie benutzen morphologische Informationen für ihr Kladogramm, aber ihre Arbeit wurde wegen der Qualität der Daten heftig kritisiert. Dressler (1993) berücksichtigte ausdrücklich phylogenetische Ideen, musste aber zugeben, dass mit den damals vorliegenden Informationen zu viele Fragen offen blieben, was bedeutete, dass er viele Gattungen nicht mit Sicherheit in sein System einordnen konnte.
Die raschen Fortschritte bei der Verwendung von DNA-Analysen und die Möglichkeiten des Computers hat neue Werkzeuge geschaffen, um noch ungelöste Fragen der Klassifikation der Orchideen zu beantworten. Vor mehreren Jahren wurde in Kew ein ambitiöses Programm in Angriff genommen. Die verfügbaren traditionellen morphologischen, mikro-morphologischen, cytologischen und biochemischen Daten sollen mit den neuen Erkenntnissen aus DNA-Analysen, die Mark Chase und sein Team im Verlauf des letzten Jahrzehnts zusammengetragen haben, zusammengeführt und integriert werden. Das Projekt wurde Genera Orchidacearum getauft. 50 Wissenschaftler aus der ganzen Welt arbeiten an dieser modernen Klassifikation der Orchideen und die ersten drei Bände der auf sechs Bände geplanten Serie sind fertiggestellt. Am Schluss seines Vortrags demonstrierte Cribb am Beispiel der Gattungen Gattungen Coelogyne und Oncidiinae, welche grossen Fortschritte die moderne Systematik dank der neuen Methoden gemacht hat. Bemerkenswert ist jedoch, dass viele der grundlegenden Vorstellungen der frühen Orchideen-Forscher, trotz zahlreicher neuer Erkenntnisse im Detail, Bestand haben. Nicht unerwähnt soll hier bleiben, dass Cribb seinen Vortrag mit herrlichen Bildern von Orchideen abwechslungsreich gestaltete.

A. Kocyan

ALEXANDER KOCYAN (Winterthur), Systematiker und amtierender Geschäftsführer berichtete kurz über die im Jahr 2001 gegründete «Schweizerischen Orchideenstiftung am Herbarium Jany Renz». Jany Renz (1907-1999) vermachte nach seinem Tod sein Orchideenherbar und seine Orchideenbibliothek dem Botanischen Institut der Universität Basel. Zeit seines Lebens hatte der leidenschaftliche Orchideenforscher 25'000 Herbarbelege gesammelt und selbst zahlreiche neuentdecke Arten beschrieben. Die Bibliothek ist die umfassendste Orchideenbibliothek auf dem europäischen Kontinent. Dank der neugegründeten Stiftung besteht die einmalige Gelegenheit, zusammen mit der Orchideensammlung des Botanischen Gartens, in Basel ein Zentrum für die europäische Orchideenforschung zu etablieren. Die Stiftung hofft, durch finanzielle Zuwendungen die Stelle eines Kurators für das Herbarium Jany Renz finanzieren zu können. Zum Aufgabenbereich des zukünftigen Kurators gehört Unterhalt, Pflege und Ausbau der Sammlung Renz. Beabsichtigt ist ausserdem, wissenschaftliche Projekte aus den Bereichen Systematik, Reproduktionsbiologie und Floristik bei der Stiftung anzubinden. Wichtiger Teil der Öffentlichkeitsarbeit ist schliesslich die Etablierung eines Orchideenbestimmungszentrums für Laien und Fachleute, sowie regelmässig die Organisation von Führungen und Orchideenausstellungen.

M. Peintinger

MARKUS PEINTINGER (Radolfszell) erläuterte, was über die Dynamik mitteleuropäischer Erdorchideen bekannt ist. Diese unterscheiden sich in ihrer Populationsbiologie deutlich von anderen Pflanzenarten. Sie weisen winzig kleine Samen auf, die bei der Verbreitung in der Regel noch unreif sind. In freier Natur können sie nur mit Hilfe endosymbiontischer Mykorrhiza-Pilze überleben. Oft dauert es mehrere Jahre bis ein erstes photosynthetisch-aktives Blatt erscheint. Weitere Jahre vergehen bis die Pflanzen erstmals blühen. Beispielsweise braucht Orchis militaris vier Jahre bis das erste Blatt und 6-9 Jahre bis erstmals ein Blütenstand erscheint. Bei Spiranthes spiralis sind es 11 und 13-15 Jahre. Orchideen sind als Folge ihrer Morphologie sehr langlebig. Der Blütenstand wird in der Regel im Vorjahr zusammen mit einer neuen Tocherknolle angelegt. Die wenigen länger untersuchten Arten zeigen, dass Erdorchideen mehrere Jahrzehnte alt werden. Orchideen zeichnen sich auch durch enorme Schwankungen in der Anzahl blühender Pflanzen aus. Veränderungen von Jahr zu Jahr um das Zwei- bis Dreifache sind keine Seltenheit. Die Ursache liegt in ihrer Populationsstruktur. In der Regel kommt in einem Jahr nur ein Bruchteil der Individuen zum Blühen, oft bleiben mehr als 50% der Pflanzen dormant (z B. bei Ophrys) und oberirdisch unsichtbar. Die Zahl blühender Pflanzen hängt von abiotischen Faktoren ab, in Halbtrockenrasen beispielsweise von der Regenmenge im Vorjahr. In Feuchtgebieten kann die Zahl blühender Pflanzen nach Überschwemmungen stark zurückgehen. In Feuchtwiesen am Bodensee waren mehrere Jahre nach einem Hochwasser keine Gymnadenia odoratissima noch Dactylorhiza incarnata sichtbar, dann erschienen wieder blühende Pflanzen. Orchis morio geht in diesen Feuchtgebieten aus unbekannten Gründen seit den 70er Jahren kontinuierlich zurück. Auch zwischenartliche und innerartliche Konkurrenz kann für die Dynamik von Orchideen eine Rolle spielen. Wahrscheinlich ist der Rückgang von Orchideen nach Düngung von Halbtrockenrasen ein Konkurrenzproblem, denn Dünger scheinen Orchideen gut zu ertragen. Viele Fragen über die Populationsbiologie von Orchideen sind allerdings noch offen, weil langfristige Untersuchungen selten sind. Für praktische Fragen des Naturschutzes sind diese aber von besonderer Bedeutung. Peintinger regte an, dass die «Stiftung Renz» langfristige Projekte zur Dynamik von Orchideen fördern sollte.

V. Wiemken
Th. Boller

VERENA WIEMKEN und THOMAS BOLLER (Basel), gestalteten ihren Vortrag über die Symbiose von Orchideen mit ihren Mykorrhiza-Pilzen zu Zweit. Zwar gehen die allermeisten Landpflanzen eine unterirdische Partnerschaft mit Pilzen ein, die sogenannte Mykorrhiza-Symbiose. In den meisten Fällen, etwa bei der Ektomykorrhiza unserer Waldbäume oder der arbuskulären Mykorrhiza der meisten Krautpflanzen, handelt es sich um echte Symbiosen zum gegenseitigen Nutzen. Der Pilz schafft für die Pflanze mineralische Nährstoffe herbei und erhält im Austausch dafür Kohlehydrate von der Pflanze. Die Orchideen-Mykorrhiza ist hingegen eine Partnerschaft nach dem Motto «Fressen und gefressen werden». Die Pilzpartner gehören normalerweise zur Gattung Rhizoctonia, die bei vielen andern Pflanzen als Pathogene bekannt ist. Der Pilz dringt in die Zellen der Orchideen-Wurzeln ein und scheint sie anzugreifen, aber die Pflanzenzellen drehen den Spiess um: Sie lösen den Pilz auf und verdauen ihn. Es gibt «parasitische Orchideen» wie Corallorhiza trifida, die kein Chlorophyll bilden und lebenslang ausschliesslich auf Kosten ihres Pilzes leben. Sie galten lange als Saprophyten, das heisst, dass sie sich mit Hilfe ihrer Mykorrhizapilze von Moder und Humus ernähren. Untersuchungen an Cephalanthera austinae und Corallorhiza zeigten jedoch, dass die Partner dieser parasitischen Orchideen Pilze der Gattungen Russula und Thelephora sind, d.h. weit verbreitete Ektomykorrhizapilze. In der Tat konnte festgestellt werden, dass diese Orchideen ihre Assimilate via Pilzbrücken vom Baum übernehmen und also indirekt vom Baum ernährt werden. Der Baum spielt damit die Rolle einer Amme. Im ausgewachsenen Stadium leben die wenigsten Orchideenarten parasitisch. Hingegen haben alle Orchideen staubfeine Samen und die sich daraus entwickelnden Keimlinge, die sogenannten Protokorme, sind bei allen Orchideen parasitisch. Untersuchungen mit in den Boden eingelassenen Samenpäckchen haben gezeigt, dass Orchideensamen bevorzugt in der Nähe von ausgewachsenen Orchideen erfolgreich keimen. Dies weist darauf hin, dass die ausgewachsenen Orchideen auch hier via Pilzbrücken als Ammen der Keimlinge dienen. Eine solche Ammenfunktion spielt nicht nur bei Orchideen eine wichtige Rolle. Ganz besonders wichtig ist sie im Wald, wo die Bäume über ein riesiges Myzelgeflecht miteinander verbunden sind. Wir sprechen gern vom WWW, dem wood wide web. Neuere Untersuchungen zeigen, dass die Ammenfunktion der grossen Bäume nicht nur für parasitische Orchideen wie die Corallorhiza wichtig ist, sondern auch für das Aufkommen der Baumsämlinge.

G. Gerlach

Günther Gerlach (München), leitete seinen Vortrag mit einem Vergleich über die Rolle von Windbestäubung bei Gräsern in Steppengebieten und der vorherrschenden Rolle von Tierbestäubung im geschlossenen Blätterdach von Tropenwäldern ein. Seit 10 Jahren erforscht Gerlach sogenannte Parfümblumen in den Tropen Amerikas. Das Bestäubungssystem, welches sich zwischen männlichen Prachtbienen (Euglossini) und neotropischen Blütenpflanzen entwickelt hat, ist weltweit einzigartig. Wie bei vielen anderen Blütentypen werden die Bienen durch Düfte zu den entsprechenden Blüten gelockt. Die Besonderheit der Parfümblumen besteht darin, daß die Blütenbesucher auch mit diesen Duftstoffen entlohnt werden. Neben einigen Araceen, Euphorbiaceen, Gesneriaceen, Solanaceen und Palmen spielt die erdgeschichtlich junge Pflanzenfamilie der Orchideen die Hauptrolle bei diesem Bestäubungssyndrom. Nicht weniger als 800 Orchideenarten mit diesem Bestäubungstyp stehen knapp 200 verschiedenen Prachtbienenarten gegenüber. Unter den Parfüm-Orchideen finden sich Vertreter verschiedener taxonomischer Gruppen wie z.B. Huntleyinae, Notyliinae, Dichaeinae, Coeliopsidinae oder Stanhopeinae. Allen Orchideen mit diesem Bestäubungssyndrom ist eine enge Bindung an eine oder wenige Bestäuberarten gemeinsam. Die männlichen Prachtbienen haben eine hohe Spezifität bezüglich der von ihnen bevorzugten Blütendüfte. Unterschiedlich zusammengesetzte Duftsubstanzen locken verschiedene Bienenarten an, was sich im Experiment leicht nachweisen lässt. Früher glaubte man zu wissen, dass die Prachtbienenmännchen die gesammelten Duftstoffe für die Anlockung der Weibchen benötigen. Dies wurde wiederlegt und es ist offen, wozu die Bienen die gesammelten Duftstoffe benutzen. Die Bestäubungsmechanismen der verschiedenen Orchideen-Gattungen sind äußerst vielfältig. Unterschiedliche Orchideen-Gattungen, die ihren Bestäubern Duftstoffe anbieten, heften ihre Pollinarien an verschiedene Körperteile der Bienen. Verschiedene Arten innerhalb einer Orchideengattung mit Parfümblumensyndrom unterscheiden sich in der Zusammensetzung ihres Dufts. Allein durch die unterschiedliche Duftzusammensetzung können Orchideen reproduktiv voneinander isoliert sein und auf diese Weise wird die Bildung von Hybriden vermieden. Die Chemie und Zusammensetzung der Duftstoffe läßt sich deshalb in der Taxonomie, also zur Artabgrenzung der Orchideen verwenden. Allerdings kann eine mehrwöchige Tropenexkursion notwendig sein, allein um das Bestäubungssyndrom einer einzigen Art zu erkunden.

G. Zotz

GERHARD ZOTZ (Basel), beleuchtete einen völlig andern Aspekt der Lebensweise von Orchideen, nämlich die Frage, wie epiphytische Unterwuchsorchideen im Regenwald Panamas bei nur wenigen Prozent des vollen Tageslicht genügend Kohlenstoff assimilieren können. Obwohl die epiphytische Lebensweise gerne mit «Streben nach Licht» gleichgesetzt wird, wachsen nur wenige epiphytische Pflanzen wirklich exponiert in der Peripherie von Baumkronen. Viele Arten, wie die an Stammbasen in Tieflandwäldern Panamas häufige Aspasia principissa (Orchidaceae), sind sogar auf ausgesprochen lichtarme Standorte begrenzt. An solchen Standorten sind Lichtflecken, d.h. kurzfristig erhöhte Strahlung im Unterwuchs aufgrund von Löchern im Blätterdach der Bäume, für viele am Boden lebende Unterwuchsarten von grosser Bedeutung. Gerhard Zotz zeigte, dass für den Kohlenstoffhaushalt epiphytischer Pflanzen die Bedeutung solcher Lichtflecken gering ist. Wie aufgrund theoretischer Überlegungen erwartet werden kann, war die Zunahme der Photosynthese von Aspasia bei mehr Licht selbst bei guter Wasserversorgung so langsam, dass die errechneten CO2-Tagesgewinne unbedeutend blieben. Für die Epiphyten viel wichtiger ist ihre ausgesprochen wasserundurchlässige Cuticula, die die Pflanzen vor Austrocknung schützt. Erst nach 6–7 Tagen ohne Wasserzufuhr nahm die Photosynthese ab. Während Trockenperioden sind Epiphyten besonders austrocknungsgefährdet. Diese Ergebnisse zur Blattphysiologie passen gut mit langfristigen Beobachtungen des Wachstums einer Population zusammen. Aspasia principissa wächst ausgesprochen langsam: Die zur ersten Reproduktion erforderliche Mindestgrösse (Pseudobulbus >7cm) wird erst nach ca. 20 Jahren erreicht. In besonders trockenen El Niño Jahren ist das Wachstum nochmals um die Hälfte verringert. Am Schluss wies Gerhard Zotz darauf hin, dass die Dynamik von Epiphyten zusätzlich durch die Dynamik der Trägerbäume beeinflusst wird, weil beim Abbrechen von Ästen oder dem Umstürzen eines ganzen Baumes die betroffenen Epiphyten mit zu Grunde gehen.

F. Schiestl

FLORIAN SCHIESTL (Zürich), lockerte seinen Vortrag über Bestäuberanlockung bei Sexualtäuschblumen mit kurzen Filmsequenzen von Blütenbesuchen bei den von ihm untersuchten Orchideen auf. Sein Thema bot sich geradezu an, auf sexuelle Phantasien anzuspielen. Sexualtäuschblumen ahmen die Sexualduftstoffe und die Körperformen der Weibchen ihrer Bestäuber nach. Nur männliche Insekten werden von den Blüten angelockt und diese übertragen Pollen während den vergeblichen Versuchen, mit den Blüten zu kopulieren (sogenannte Pseudo-Kopulationen). Der für die Bestäuberanlockung verantwortliche Blütenduft ist in der Regel artspezifisch. Sexualtäuschblumen sind in Australien in neun Orchideengattungen mit insgesamt über 300 Arten vertreten. Die meisten davon werden durch Wespen (Hymenoptera: Tiphidae) bestäubt. In Europe ist es einzig die Gattung Ophrys mit ca. 80 Arten, die häufig von pseudokopulierenden Solitärbienen (Hymenoptera: Apoidea) bestäubt werden. Im Zentrum der Untersuchungen von Schiestl steht die Zusammensetzung der Duftstoffe der Orchideen und der entsprechenden Sexual-Pheromone ihrer Bestäuber. Er konzentrierte sich auf die australische Orchideengattung Chiloglottis, deren Arten von Neozeleboria-Wespen bestäubt werden und die Gattung Ophrys in Europa. Duftstoffe und parallel dazu ihre Wahrnehmung durch Bestäuber werden mittels Gas-Chromatographie und Antennen-elektrographischer Messungen analysiert. Im Feld werden Duftproben und synthetische Duftstoffe benutzt, um das Verhalten der Insektenmännchen zu testen und die gewonnenen Erkenntnisse über die Zusammensetzung der Duftstoffe der Orchideen zu überprüfen. Während australische Orchideen 1-3 biologisch aktive Duftkomponenten produzieren, benützt die europäische Ophrys sphegodes eine Mischung von 14 Duftkomponenten, um ihre Bestäuber anzulocken. In beiden untersuchten Systemen werden von den Orchideen dieselben Substanzen, die auch in den weiblichen Sexual-Pheromonen der Bestäuber-Arten vorhanden sind, verwendet. Veränderungen in der Duftzusammensetzung sind bei australischen als auch bei europäischen Orchideen für die Entstehung neuer Arten verantwortlich und erklären kürzlich stattgefundene adaptive Radiationen in diesen Gruppen.

S. Schwegler

STEFAN SCHWEGLER (Basel), berichtete über seine nun bereits 10-jährige Studie über die Reproduktion bei der Fliegenragwurz (Ophrys insectifera) und der Hummelragwurz (Ophrys holoserica) in zwei Populationen in der Umgebung Basels. Im Unterschied zu Florian Schiestl interessiert sich Stefan Schwegler für den Bestäubungserfolg. Dieser ist bemerkenswert gering, so dass sich die Frage stellt, ob die Sexualtäuschung doch nicht so perfekt funktioniert oder andere Ursachen den geringen Fruchtansatz erklären können. Obwohl nämlich die Grösse der Pflanzen und die Anzahl ihrer Blüten wenig variabel war, schwankte der Fruchtansatz bei beiden Arten von Jahr zu Jahr sehr stark, betrug aber nie mehr als 4%. Künstliche Bestäubung zeigte, dass dies auf mangelnde Bestäuber zurückzuführen ist. Die beiden Ophrys-Arten werden in Mitteleuropa durch Grabwespen (Argorytes spec.) bzw. Langhornbienen (Eucera spec.) bestäubt. Sowohl die Infloreszenzlänge als auch der Fruchtansatz der beiden Orchideen war über die Jahre hinweg miteinander korreliert, d.h. die einzelnen Jahre waren jeweils für beide Arten mehr oder weniger günstig. Dies deutet darauf hin, dass Wetterbedingungen einen starken Einfluss auf den Reproduktionserfolg haben. Die Grösse einer Pflanze beeinflusste die Wahrscheinlichkeit des Fruchtens. Im Gegensatz zum Fruchtansatz blieb die Anzahl gebildeter Samen von Jahr zu Jahr gleich. Der Samenansatz war bei O. holoserica (ca. 40%) viel höher als bei O. insectifera (ca. 15%). Ein Bestäubungsexperiment zeigte, dass die Anwesenheit einer grossen Anzahl von Pollenkörnern bei O. holoserica die Anzahl der Samenanlagen erhöhen kann («ovules on demand»), bei O. insectifera dagegen nicht. Schwegler vermutete, dass die einheimischen Ophrys-Arten von Bestäubern nur solange besucht werden, als zu wenig Weibchen für wirkliche Begattungen zur Verfügung stehen. Schiestl konnte diese Beobachtung auf Grund seiner Untersuchungen nicht bestätigen.
Damit endete eine interessante und abwechslungsreiche Tagung, bei der es viel zu erfahren und zu lernen gab, mit offenen Fragen und der Demonstration, dass den Orchideenfreunden ihre Forschungsfragen auch in Zukunft nicht ausgehen werden.
Basler Botanik-Tagung | Basler Botanische Gesellschaft | Botanisches Institut
22.10.2002